Projektentstehung

Von der Idee zum Projekt

In allen drei Ländern entlang des Inn gibt und gab es seit über 25 Jahren Aktivitäten zum Artenschutz. Sowohl seitens der öffentlichen Verwaltung, als auch von Interessensvertretungen (wie Fischereiverbänden und Naturschutzorganisationen) liegen Studien über das Renaturierungspotenzial verschiedener Flussabschnitte vor. Was bislang fehlt, ist ein Gesamtkonzept für den Flussverlauf, dass auch die Durchgängigkeit und die geographische Abfolge der weitgehend punktuellen Maßnahmen ausreichend berücksichtigt.

Eine wesentliche Besonderheit des Inn liegt aber gerade in seinem grenzüberschreitenden Charakter, durch den er auf 517 km drei Länder und eine Vielzahl von Gemeinden miteinander verbindet. Den gesamten Alpenfluss von seinem Ursprung bis zur Quelle als ein einheitliches Ökosystem zu betrachten, ist auch deshalb notwendig, weil viele spezialisierte Arten am Inn auf seine Funktion als Wanderachse angewiesen sind, um zwischen verschiedenen Laichplätzen und Nahrungsrevieren zu wechseln. Um wirkungsvolle und nachhaltige Arten- und Naturschutzmaßnahmen am Inn umzusetzen, braucht es daher ein Gesamtkonzept für den Alpenfluss, das seine länderspezifischen Merkmale, das regional variierende Artenaufkommen und gebietsspezifische Herausforderungen berücksichtigt.

Zudem ist der Inn ein stark genutztes Gewässer, während das Inntal zu den am intensivsten belasteten Tälern der Alpen zählt. Von Hochwasserschutz, Tourismus und Naturschutz bis hin zu Energiewirtschaft, Landwirtschaft oder Sport treffen hier die verschiedensten Interessen aufeinander – und führen immer wieder zu Konflikten. Die mangelnde Abstimmung dieser kontroversen Nutzungsinteressen geht dabei nicht selten zu Lasten des Ökosystems und seiner beheimateten Arten. So werden beispielsweise Revitalisierungen für den Hochwasserschutz in der Praxis meistens nicht flächendeckend für ein gesamtes Gebiet, sondern nur punktuell geplant. Daran konnten auch die zahlreichen Projekte kaum etwas ändern, die bereits initiiert wurden, um den Inn als wertvolles Ökosystem zu schützen, weil sich bisherige Naturschutzmaßnahmen am Inn weitestgehend auf begrenzte Streckenabschnitte beschränkten.

„Flussdialog“ stellt Weichen für sektorenübergreifende Zusammenarbeit

Flussdialog 2017 © Anton Vorauer

Die Idee für ein länder- und sektorenübergreifendes Artenschutzprojekt am Inn gibt es schon lange. Wirklich konkret wurde diese aber erst im Jahr 2017 im Rahmen des „Flussdialoges Inn“, der als Austauschplattform für unterschiedlichste Interessensgruppen an dem Alpenfluss initiiert wurde. Veranstaltet wurde der Flussdialog von der Alpen-Wissenschaftskommission ISCAR, der Universität Innsbruck, sowie dem WWF Österreich, um gemeinsame Lösungen für die Zukunft des Dreiländerflusses zu finden.

Dabei wurde nicht nur die Notwendigkeit herausgestellt, den Inn in seiner Gesamtheit zu betrachten, sondern es haben sich auch neue Chancen zur Konfliktlösung bzw. -vermeidung zwischen den verschiedenen Interessensgruppen aufgetan. Und es wurde deutlich, dass sich diese nicht nur durch unterschiedliche Nutzungsansprüche voneinander unterscheiden, sondern sie auch voneinander profitieren können, indem bestehende Synergien sinnvoll genutzt werden. Dazu zählt beispielsweise, dass der Tourismus immer häufiger die Naturnähe und ökologische Nachhaltigkeit als Schlüsselattraktionen nutzt, wodurch Kooperationen mit Naturschutz-Organisationen wahrscheinlicher werden. Aber auch zwischen Fischerei-Verbänden und Naturschutz-Organisationen, die ursprünglich unterschiedliche Ziele für die Artenzusammensetzung am Inn verfolgen, haben sich konstruktive Dialoge zu wirkungsvoller Zusammenarbeit entwickelt.

So stand am Ende des Flussdialoges vor fast drei Jahren ein eindeutiges Ergebnis: Ohne die Berücksichtigung seines grenzüberschreitenden Charakters und der Kooperation zwischen unterschiedlichen Nutzungsgruppen, werden Natur- und Artenschutzmaßnahmen am Inn immer zu kurz greifen und dem notwendigen Handlungsanspruch nicht gerecht. Der Inn braucht ein ganzheitliches Leitbild.